Zufrieden und gesund bis ins hohe Alter – wie ist das möglich?

Was glaubst du werden junge Menschen antworten, wenn man sie danach fragt, welchen Zielen sie im Leben Priorität geben sollten, um später ein zufriedenes und langes Leben führen zu können?

Nun, Umfragen aus dem letzten Jahrzehnt ergeben immer wieder, dass die überwiegende Mehrheit der heutigen Jugendlichen glaubt, dass man, wenn man glücklich werden will, alles tun muss, um reich zu werden. Immerhin die Hälfte der Befragten gibt außerdem an, dass man sich für ein glückliches Leben darum bemühen sollte, berühmt zu werden.

Dies ist sehr bedauerlich, da es inzwischen sehr viele Forschungsarbeiten gibt, die diese Antworten als Irrtum entlarven.

So ist längst bekannt, dass unser Glück und unsere Lebenszufriedenheit sehr viel enger mit dem zusammenhängt, was in unseren Köpfen passiert, als mit unseren jeweiligen Lebensumständen. Entscheidend für unser Glück sind die Fragen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wie wir über uns, unsere Mitmenschen, die Welt und das Leben generell denken und wie sehr wir unsere Stärken in den Alltag einbringen können.

Erst danach schlagen die Umstände unseres Lebens zu Buche und auch hier zeigen Studien eindrucksvoll, dass es nicht Reichtum und Berühmtheit sind, die uns Zufriedenheit und ein langes Leben bescheren, sondern andere Faktoren.

In diesem Zusammenhang gibt es eine sehr interessante psychologische Studie, die zudem zu den längsten gehört, die jemals durchgeführt wurden: die „Harvard Study of Adult Development“.

In ihr wurden 724 männliche Personen über einen Zeitraum von 75 Jahren begleitet. Die Harvard Studie wurde im Jahr 1938 mit 2 Gruppen junger Burschen begonnen. 456 davon stammten aus den Armenvierteln Bostons und die anderen 268 waren Schüler am Harvard College. Sie alle wurden in der Folge Jahr für Jahr nach ihrer Arbeit befragt, nach ihrem Privatleben, ihrer psychischen und körperlichen Gesundheit und ihren Beziehungen. Darüber hinaus wurden ihre Krankenakten über medizinische und psychiatrische Untersuchungen mit einbezogen und später auch Interviews mit den Frauen und Kindern der Versuchspersonen.

2003 lebten von den ursprünglich 724 Versuchspersonen noch 60, die sich zu diesem Zeitpunkt alle in ihren Neunzigern befanden.

Im Rahmen dieser Studie wurden abertausende Daten erhoben und auf die unterschiedlichsten Fragestellungen hin untersucht. Bei einer dieser Analysen ging es um die Frage,  welche Faktoren wohl dazu geführt haben, dass einige Menschen aus der Studie glücklich wurden, lange lebten und sich auch in hohem Alter noch guter körperlicher und geistiger Gesundheit erfreuten, während andere unglücklich wurden, von Krankheiten geplagt wurden, schneller alterten und früh verstarben.

Laut Robert Waldinger, dem letzten Leiter dieser Studie, kam dabei vor allem folgendes Ergebnis heraus: wer in enge Beziehungen von hoher Qualität eingebunden ist, ist (auch im Alter) zufriedener mit seinem Leben, erfreut sich besserer Gesundheit und lebt länger!

Umgekehrt erweist sich die Erfahrung von Einsamkeit für viele als Gift. Menschen, die von anderen isolierter sind, als sie es sein möchten, sind im Durchschnitt weit weniger glücklich, ihre Gesundheit sowie ihre Gehirnfunktionen lassen früher nach und sie haben ein kürzeres Leben als Menschen, die nicht einsam sind. Dies ist insbesondere deshalb tragisch, da Umfragen darauf hindeuten, dass sich bis zu 20 Prozent der Deutschen einsam fühlen.

Entscheidend ist allerdings nicht die Anzahl der Freunde oder Beziehungen, die jemand hat, und auch nicht, ob jemand in einer festen Beziehung lebt oder nicht, sondern es ist die Qualität der engen Beziehungen, die zählt. So erweisen sich beispielsweise konfliktreiche Ehen ohne viel Zuneigung als sehr schädlich für die Gesundheit, während gute und warmherzige Beziehungen uns vor Kummer und Krankheit schützen.

Dies spiegelte sich im Rahmen der Harvard Studie auch eindrucksvoll darin wieder, dass diejenigen Personen, die im Alter von etwa 50 Jahren in ihren Beziehungen am zufriedensten waren, im Alter von 80 Jahren die beste Gesundheit hatten.

Eine weitere wertvolle Lektion, die in dieser Studie über Beziehungen und Gesundheit zum Vorschein kam, besteht in der Erkenntnis, dass gute Beziehungen nicht nur unsere Körper, sondern auch unsere Gehirne schützen. So blieben sowohl das Gedächtnis als auch die Gehirnfunktionen bei jenen Personen länger gut, die in ihren Achtzigern zuverlässige Beziehungen zu anderen Personen hatten.

Das Resümee der Harvard Studie ist somit eindeutig.

Für unser Glück und Wohlergehen ist es weitaus wichtiger, in die eigene Beziehungsfähigkeit und die eigenen Beziehungen zu investieren, als in die Jagd nach Reichtum und Berühmtheit.

Dies mag für viele unattraktiv klingen, insbesondere für jene, die schon in der Kindheit oder auch später schlechte Beziehungserfahrungen gemacht haben. Aus ihrer Sicht sind Beziehungen hauptsächlich kompliziert und oft auch bedrohlich. Zudem ist die harte Arbeit, sich um die Pflege der eigenen Partnerschaften, Familienbeziehungen und Freundschaften zu kümmern, nicht besonders aufregend, cool und glamourös. Außerdem sind Beziehungen keine Gegenstände, die man irgendwann einmal endgültig im Griff haben kann. Vielmehr sind Beziehungen sich ständig verändernde Prozesse, die von mindestens zwei Personen gestaltet werden. Und wie wir alle leidvoll erfahren haben, können wir das Verhalten und die Reaktionen unserer Gegenüber immer nur begrenzt kontrollieren.

An diesem Punkt kann es deshalb sehr hilfreich sein, an den eigenen sozialen Kompetenzen zu arbeiten und problematische emotionale Reaktionen auf frühere traumatische Beziehungserfahrungen mit Hilfe von PEAT oder anderen Methoden aufzulösen.

Wenn du dich ausführlicher mit der Frage beschäftigen möchtest, was uns wirklich glücklich macht, dann kannst du in meinem Buch Übers Glück – Orientierungshilfen für ein glückliches Leben  eine große Menge an Informationen und Tipps zum Thema finden.

 

Quelle: Waldinger, R. (2015). „What makes a good life? Lessons from the longest study on happiness.” Talk on  TEDx Beacon Street.